Wohnen in der Innenstadt – für Lüneburger oder für Touristen?
Am 25. Februar fand im TamTam am Markt die Veranstaltung „Wohnen in der Innenstadt?!“ statt. Nachdem der ALA selbst das Thema auf der städtischen Ebene angeregt hatte, wurde der Termin von uns natürlich sehr interessiert aufgenommen.
Die Stadt Lüneburg wollte, so wurde der Abend beworben, „Eigentümer:innen und Interessierte über Möglichkeiten informieren, ungenutzte Obergeschosse in historischen Gebäuden in Wohnraum umzuwandeln und Förderprogramme beleuchten.“ Die Veranstaltung sollte die Bemühungen zeigen, die Lüneburger Innenstadt lebendiger zu gestalten und Leerstand zu reduzieren.
Entsprechend groß war das Interesse am Thema: über 100 Zuhörer fanden sich dazu ein. Doch leider ging aus unserer Sicht die Veranstaltung an den Sorgen und dem Bedarf der Besucher vorbei.

Der Abend geht am wahren Thema vorbei
Der gesamte Abend vermittelte eher den Anschein einer Werbeveranstaltung, als wirkliche Lösungen für eine bessere Wohnraum-Nutzung in Lüneburg zu bieten. Für die Oberbürgermeisterin war das Thema Wohnungsnot in unserer Stadt scheinbar auch nicht wichtig genug – sie verschwand gleich nach Ihren einführenden Worten.
Eine offene Diskussion kam gar nicht erst auf: Fragen und Sorgen der Hausbesitzer, der Bewohner und Wohnungssuchenden wurde kein Raum in der großen Runde gegeben.
Bei den von der Verwaltung vorgestellten vier Objekten, die als positive Fälle eines Obergeschoss-Ausbaus in historischen Gebäuden dienen sollten, wurde Wohnraum für Lüneburger eher reduziert als geschaffen: zum Beispiel im vorgestellten Objekt in der Schrangenstraße 7, das mit 4 Ferienwohnungen ausgebaut wurde. Das ist das Gegenteil dessen, was sich der ALA für historische Gebäude – und für Lüneburg – wünscht.
Die bisherigen Maßnahmen der Stadt reichen und greifen nicht
Die am selben Abend vorgestellten Förderprogramme kommen dem Problem offenbar nicht bei. Mit den heutigen Umbaukosten sind sie für Eigentümer nicht wirtschaftlich, um bei einer moderaten Miete die Kosten zu decken oder gar eine Rendite zu erzielen. So investieren viele Hausbesitzer dann doch lieber in Ferienwohnungen, die in Lüneburg noch Geld einbringen.
Was möchte Lüneburg sein: Reiseziel oder Zuhause?
Eine aktuelle Pressemitteilung vom 10.03.2026 zeigt, dass die Stadt in Sachen Wohnraum gerade eher mit Blick auf die Touristen agiert, als für die Bewohner und Mieter in Lüneburg:
„ ‚Immer mehr Menschen entscheiden sich für Lüneburg‘, freut sich Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch. ‚Die erneuten Rekordzahlen zeigen: Unsere Stadt gewinnt stetig an Anziehungskraft (…) Gleichzeitig spornt uns dieser positive Trend an, die Innenstadt weiter zu beleben und Lüneburg als attraktives Reiseziel weiter zu profilieren.‘
Weiter heißt es dort: Parallel zur positiven Besucherentwicklung wächst auch die touristische Infrastruktur: Die Zahl der geöffneten Beherbergungs-Betriebe mit mindestens zehn Betten stieg von 26 (2024) auf 29 (2025). Dies unterstreicht das Vertrauen in die nachhaltige Attraktivität des Standorts.“
Den stetig steigenden Übernachtungszahlen steht allerdings eine Besorgnis erregende Entwicklung entgegen: jeder Jahr verliert die Lüneburger Altstadt etwa 190 feste Bewohner.
Mehr Platz für Besucher – weniger Wohnraum für Bewohner also? Die Wahrnehmung für die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt scheint bei der Stadtverwaltung noch nicht recht angekommen zu sein. Stattdessen setzt sie weiterhin den Focus auf Touristen, inzwischen im Jahr über 6 Millionen Tagestouristen und weit über 450.000 Übernachtungsgäste.
Wie wenig Augenmerk die Stadtverwaltung auf mehr Wohnungen für Lüneburger legt, zeigt auch der aktuelle Stellenplan: für das wichtige Thema Wohnraum gibt es nur eine einzige „Alibi-Stelle“!
Die Stadt braucht Wohnraum für Lüneburger statt für Übernachtungsgäste
Wie kann man Wohnraum schaffen, wie können hier nun Lösungen aussehen? Wir haben schon vor einiger Zeit der Stadtverwaltung und auch der Politik umfangreich die Position des ALA benannt (nachzulesen im ALA Aufriss Heft 40 / 2025).
Unsere Vorschläge und Forderungen dazu – ganz im Sinne des Grundgesetzes, Artikel 14 ‚Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zum Wohle der Allgemeinheit dienen‘ – sind dringend erforderlich und auch sehr kurzfristig machbar:
1. Wir brauchen eine echte Erfassung der vielen Ferienwohnungen in Lüneburg:
In Form eines immer aktuellen Ferienwohnungs-Register, kontrolliert z. B. durch Vorlage von Mietverträgen. Dies wird zurzeit auf Sylt erfolgreich umgesetzt.
2. Der hohe Leerstand in der Stadt muss ebenfalls erfasst werden:
In einem aktuellen Leerstands-Register mit Leerstands-Meldepflicht, z.B. kontrolliert über Strom- und Wasserverbrauch.
3. Nutzbare Wohnungen sollten nicht leer stehen:
Die Zweckentfremdungssatzung (ZwEntS) muss konsequent umgesetzt und der rechtliche Rahmen der Satzung ausgeschöpft werden. Leerstand ist keine Eigennutzung! Bei Leerstand über einen längeren Zeitraum und auch bei nicht genehmigten Ferienwohnungen müssen Bußgelder verhängt werden.
4. Mietwohnungen dürfen nicht zu einfach in Ferienwohnungen verwandelt werden
Die Erhaltungssatzung und der Milieuschutz nach Baugesetzbuch § 172 Abs. 4 muss in jedem Fall angewendet werden. Das trüge zu einer ausgewogeneren Mischung aus mehr festen Bewohnern und weniger Feriengästen bei.
5. Die Spekulation mit Leerstand beenden.
Eine Leerstandsgrundsteuer z.B. Grundsteuer C einführen. Das wäre ein approbates Mittel, um über Jahre leerstehende Häuser/Wohnungen zu besteuern und verhindert abwartende Spekulation.
6. Mietwucher muss unterbunden werden:
Der Beschluss einer Mietpreisbremse auch für möblierte Wohnungen in Lüneburg wäre dringend ratsam. Die Stadt braucht mehr Wohnungen für Bürger.
7. Mehr Wohnraum durch Umwidmung bietet großes Potential:
Die Umnutzung von über Jahre leerstehendem Gewerbe zu Wohnungen sollte stark vereinfacht und konkret unterstützt werden.
8. Neuer Wohnraum muss bezahlbar bleiben:
Wir wünschen uns mehr Förderung von Wohnprojekten, Wohngenossenschaften und kommunalen Wohnungsbaugesellschaften mit sozialverträglichen Mieten. Auch die mehrheitlich von der Stadt getragene LüWoBau muss keine Rendite erzielen, sondern nutzt Mieteinnahmen zur Aufrechterhaltung und Erweiterung des Lüneburger Wohnraums.
9. Wohnen kann in unterschiedlichsten Formen unterstützt werden:
Die Stadt sollte alternative Wohnformen ermöglichen und anregen, insbesondere im Sinne der Übergangsnutzung von nicht nachverdichteten Freiflächen, z.B. mit Tiny Houses oder Wagenplätzen.
10. Die vorhandene Wohnfläche muss sinnvoller verteilt werden:
Durch eine Förderung der individuellen Reduzierung der Wohnquadratmeter. Die durchschnittliche Wohnraumfläche pro Person hat in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugenommen. Insbesondere ältere Menschen bewohnen oft alleine oder zu zweit ein ganzes Haus, während viele Familien in zu kleinen Wohnungen leben müssen. Modelle zum Flächen-Tausch aus anderen Städten und Gemeinden könnten hier Anwendung finden.
Hier kann es gleich losgehen
Nachstehend einige Objekte, die seit einigen Jahren leer stehen und deren Bewohnbar-Machung sofort angegangen werden könnten:
- Heiligengeiststr.4 – Haus-Leerstand
- Am Sande 3 (McDonald’s) – Leerstand, mehrere Wohnungen
- Rote Straße 10 – Haus-Leerstand
- Rotenbleicher Weg 36 – Leerstand Wohnblock
- Wilschenbrucher Weg 88 – Haus-Leerstand
- Große Bäckerstraße 12 – Haus-Leerstand
- Obere Ohlinger Straße 2 – Haus-Leerstand
- Kuhstraße 12 – Haus-Leerstand
- Auf dem Kauf 12 – Haus-Leerstand
- Im Verdener Hof 1 – Haus-Leerstand
- Am Iflock 1 – Haus -Leerstand
… und es gibt noch viele, viele mehr!
Wir vom ALA wollen zur Lösung beitragen
Weil wir vom ALA nicht nur fordern, sondern das Problem aktiv mit angehen wollen, schlagen wir eine übergeordnete Arbeitsgruppe zum Thema Wohnen im historischen Bestand vor:
Ein lösungsorientiertes Team aus Architekten, Lüneburger Hausbesitzern, geeigneten Handwerkern, den Experten des ALA und den Fachleuten aus der Verwaltung könnte im Zusammenspiel das Machbare für Lüneburg entwickeln.
Damit Lüneburg auch in Zukunft eine lebens- und liebenswerte Stadt bleibt, in der alle gleichberechtigt ihre Räume finden: die Reisenden als attraktives Ziel, vor allem aber die Bewohner der Stadt als ihr Zuhause.
Reiner Netwall
Vorstandsmitglied
Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. ALA
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