Stadtgeschichten September 2026
Liebe Leserinnen und liebe Leser,
„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“! Erinnern Sie sich an diesen Ausspruch vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, als er nach seinen Visionen gefragt wurde? In diesen „Stadtgeschichten“ soll es um Visionäre gehen und darum, wie wichtig sie auch für Lüneburg waren und sind. Im gerade beendeten Kommunalwahlkampf hatten fast alle Parteien die Schaffung von Wohnraum als oberstes Ziel genannt. Schon 1922 hatte sich die Lüneburger Volkshaus GmbH – die Vorgängerin der LüWoBau – vorgenommen, „Grundstücke im Interesse der Wohlfahrt zu erwerben und Wohnungen für Arbeiter zu errichten“. In dieser Zeit hatte Lüneburg ca. 30 000 Einwohner. Stadtbaurat Heidtmann plante, noch einmal 30 000 Wohnungen zu schaffen, dazu Bereiche für Industrie und Grünflächen.


So entstand die Vision von der „Gartenstadt Lüneburg“, die im Mittelfeld als sozialer Wohnraum entstehen sollte. Hans Heidtmann setzte dieses Modellprojekt rund um den Meinekenhop vorbildlich um: Kleine Doppelhäuser mit großen Gärten sollten den Bewohnern ermöglichen, sich selbst mit Obst und Gemüse zu versorgen. Es folgten Mehrfamilienhäuser mit Kleinstwohnungen in der Ringstraße und Auf der Höhe mit Gemeinschaftsgärten. Bis 1930 entstanden so im Mittelfeld 317 neue Wohnungen. Nach dem 2. Weltkrieg drängten sich in Lüneburg neben der einheimischen Bevölkerung Geflüchtete, Vertriebene, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der Stadt. 1950 hatte sich die Bewohnerzahl auf 60 000 verdoppelt. Zwischen 1949-1970 baute die LüWoBau 1.308 neue Wohnungen. Die ganze Geschichte ist in der Chronik sehr anschaulich dargestellt https://100jahre.luewobau.de/
Wie die Situation heute ist wollte ich nun direkt bei der LüWoBau erfragen.
Überraschend hat sich die Geschäftsführerin Heiderose Schäfke für ein Interview zur Verfügung gestellt. Ich habe eine Menge dazugelernt: Die LüWoBau hat aktuell einen Wohnungsbestand mit über 2400 Wohneinheiten, davon fast 1000 im Mittelfeld. Dazu u. a. Unterkünfte für Geflüchtete, Kindergärten, Spielplätze, Arztpraxen, die Feuerwehr Mitte, die Kulturbäckerei und das Stadtarchiv. Es gibt ca. 2000 2- und 3-Zimmerwohnungen, viele 1-Zi-Wohnungen und nur wenige größer als 4 Zimmer. 98% der Wohnungen sind wohngeldfähig. Nachgefragt wurden in diesem Jahr bislang 822 1-Zi-Wohnungen und 1271 2-3 Zimmerwohnungen. Nur 6-7 Anfragen kamen zu größeren Wohneinheiten.


Wie kommt man an eine LüWoBau-Wohnung?
Als erster Schritt ist eine Registrierung mittels Formular in der Interessentenliste (homepage) notwendig. Dort wird eingetragen, welche Art Wohnung gesucht wird, wie sie beschaffen sein sollte und wo in Lüneburg gelegen. Ein Wohnberechtigungsschein ist von Vorteil, aber nur bei Neubauten zwingend notwendig. Wenn eine Wohnung frei wird, ermittelt die EDV, für wen die Wohnung infrage kommt. Die Mitarbeiter*innen der Mieterbetreuung kennen die Belegungen in ihren Quartieren und achten darauf, dass die Hausgemeinschaften gut durchmischt sind und zusammenpassen, um den sozialen Frieden zu ermöglichen. Erst danach folgt ggf. ein Angebot.
Was mir als Neu-Mittelfeldbewohnerin auffiel, war die ökologische Ausrichtung der LüWoBau. Auf den meisten Dächern der Häuser wurde Fotovoltaik installiert. Die Begrünung der Grundstücke ist abwechslungsreich, Rasenflächen werden mehr und mehr mit Blühstreifen durchsetzt. Es gibt sogar ein Tiny-Wäldchen für Vögel und Insekten. Pflanzenschutzmittel und Glyphosat sind verboten. Die Anlagen sind sehr gepflegt. Frau Schäfke erzählte, dass Mieter sogar Patenschaften für Blühstreifen und Stadtbäume übernehmen können.
Am meisten beeindruckt hat mich aber die Firmenphilosophie! Für alle LüWoBau-Mitarbeiter stehen die Mieter an erster Stelle.
Jeder Mieter soll sich wohl und zuhause fühlen können. Es gibt einen Reparaturservice, eine Notfallnummer, einen jährlichen Blumenmarkt, kostenloses Saatgut, Ausflugsfahrten, Jubiläumsessen, 3 x im Jahr ein Mietermagazin und eine Mieterbetreuung für alle Anliegen. Gefragt, welche Personengruppen ihr besonders am Herzen liegen antwortete Frau Schäfke „Die Sorgenkinder der Gesellschaft“. Ich dachte mir „Die sind sicher bei ihr in guten Händen…“

Der Visionär, die Visionärin hält für möglich, was wir uns rational nicht vorstellen können: Zu verrückt, zu teuer, zu aufwändig, zu riskant, nicht zu schaffen, utopisch. Und dennoch haben sich in Lüneburg einige Visionäre durchsetzen können: Da glaubte einer, die im Erdboden versinkende westliche Altstadt retten zu können. Ein anderer hatte die Vision, eine Kaserne in eine Universität zu konvertieren. Und eine Heeresbäckerei in eine Stätte für bildende Künstler zu verwandeln. Ein anderer kaufte eine Schrottimmobilie an der Abbruchkante des Senkungsgebietes, weil ihm dort ein Hotel-Restaurant vorschwebte. Visionen vom Marienplatz, von einer Brücke über die Elbe nach Amt Neuhaus, von 2000 preisgünstigen neuen Wohnungen in Lüneburg…


Was ich allerdings im SH-Magazin sah, konnte ich kaum glauben:
https://www.geschichtserlebnisraum.de/video/wir-bauen-ein-kloster.htm
Da bauen „Verrückte“ auf einem Bauspielplatz bei Lübeck ein großes romanisches Kloster! Die Initialzündung kam 1999 von dem auch in Lüneburg bekannten Archäologen Dr. Frank Andraschko. Der Funke sprang über, aber wie Sponsoren von der Idee überzeugen? Sozialarbeiter Frank Thomas vom Geschichtserlebnisraum Roter Hahn für Kinder und Jugendliche des Viertels ließ sich nicht entmutigen. 19 Jahre später begannen die Bauarbeiten. Die Kinder arbeiteten alle Jahre fleißig mit! Am 19.09.26 bin ich zur Einweihung gefahren! Vom Bahnhof Lübeck-Kücknitz ging es durch ein Hochhausgebiet mit ausgemusterter Kirche. Und dahinter eine Idylle mit Wikingerhäusern, Gärten, Tieren und in der Mitte – das große Kloster, viele Gäste, stolze Kinder, Handwerker und Sponsoren. Ein fröhliches Fest wurde gefeiert. Das Kloster soll nun ein Ort für Begegnung und Bildung werden, für Kitas, Schulklassen, Seminare und Veranstaltungen. Und für uns. Es ist offen für alle.


Zurück nach Lüneburg und zum ALA. Auch wir hatten Ideen. Unsere Handwerkerstraße sollte etwas Neues anbieten. So entstand das Projekt „Handelstreck“. Mit Salz, Korn und Bier aus Lüneburg beladen und von Stadtwachen beschützt wurden alte Karren zum Hafen gezogen, um dort Hering, Wein und Marzipan aus Lübeck in Empfang nehmen. Natürlich hat der Treck auch unsere Partnerstädte auf dem Marktplatz besucht. Unsere neue Zeitreise durch die Untere Ohlingerstraße
mit Infotafeln und Führungen zur Geschichte der Häuser wurde ebenfalls sehr gut angenommen. Für mich persönlich gab es ein kleines Highlight: Frauen aus der Gruppe „Community fruits“ (Ratsbücherei), die mir bei der Obsternte geholfen hatten, haben die von ihnen gepflückten Äpfel historischer Sorten an unserem Obst- und Saftstand selbst verkauft. Und da sie so geschickt Apfelsaft ausgeschenkt haben hoffe ich, dass wir sie auch für unseren ALA- Christmarkt für den Punsch- und Glühweinstand gewinnen können…
Dass nun im Oktober die gemütliche Jahreszeit beginnt, kann man auch am Kulturprogramm ablesen. Die Lüneburger Stadtarchäologie lädt ein zur „Archäologie beim Bierchen“ in Noltes Brauhaus am Donnerstag, dem 15.10.26 um 18:00 Uhr. Dr. Tobias Schoo und Dr. Edgar Ring berichten von ihrem schweißtreibenden Alltag in Lüneburger Kloaken. Ich selber hätte Lust auf einen Abend mit Ihnen im Brömse-Haus, um alte Lüneburg-Filme zu gucken. Oder eine Führung mit dem Thema „Sozialer Wohnungsbau in Lüneburg am Beispiel Mittelfeld“. Oder für die Hardliner „Ehemalige Klöster und Klosterhäuser in der Innenstadt“. Schreiben Sie mir einfach, was Sie interessiert. Vorbereitungszeit jeweils 3 Monate.

Bleibt zum Schluss nur die Frage: Was ist aus unserem von Visionen geplagten Patienten geworden, den Helmut Schmidt zum Arzt geschickt hat? Nun, der Arzt hat dem Patienten lange zugehört, begann zu schmunzeln und sagte „Keine Sorge, Sie können nach Hause gehen. Sie sind völlig gesund!“
Herzliche Grüße von
Magdalena Deutschmann
ALA-Stadtgeschichten
stadtgeschichten@alaev-lueneburg.de
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