Liebe Leserinnen und liebe Leser,
„Ich bin ein schön‘ Mann“ sagte der Bauarbeiter und stellte sich vor meine Kamera. Dabei wollte ich eigentlich die Baugrube fotografieren! Nun, so viel Selbstbewusstsein soll belohnt werden und so kommt der fleißige Mann auf Seite 1…

Die Bauarbeiten auf den Sülzwiesen zur Erneuerung der Stromversorgung legen einen Längs-schnitt durch den Erdboden frei. Man sieht nur eine ganz dünne Humusschicht und darunter kei-nen Mutterboden, sondern ganz helles Material. Die Sülzwiesen sind offensichtlich aufgeschüttet worden. Dies bestätigte eine Mitteilung der Stadt Lüneburg vom 20.11.1925 an das Landesamt für Arbeitsvermittlung Hannover. Dort heißt es: „Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beabsichtigen wir, die tiefgelegene Sülzwiese für die Herstellung von Sport- und Spielstätten aufzuhöhen.“ Es sollen 150 – 200 Erwerbslose beschäftigt werden.“ Der Stundenlohn wurde auf 56 Pfennig festge-setzt (Stadtarchiv LG, Sa-1696).
Mancher hat sich vielleicht auch schon gefragt, warum diese große zentrale Fläche nicht bebaut wurde. Auch auf diese Frage gibt es eine Antwort: Die Sülzwiese liegt auf einem Salzstock, der schon in 38,3 m Tiefe beginnt. Das Steinsalz wurde eine Zeit lang von der Saline abgelaugt, es ent-stand eine Kaverne von 40x40x90 m, die auch heute noch als verfüllter Hohlraum vorhanden ist. Dennoch wurden die Sülzwiesen vielfältig genutzt. 1939 wurden dort Barackenlager für 300-400 Kriegsgefangene errichtet. Auf der Festwiese fand in der Zeit der Nationalsozialisten ein großes Gaufest mit vielen Attraktionen für die Bevölkerung statt. Und nach dem 2. Weltkrieg wurden auf den Sülzwiesen Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in sog. Nissenhütte untergebracht. Das waren Wellblechhütten für 4-6 Personen. Nissen sind übrigens Kopfläuse.
Zuvor lagen die Sülzwiesen in der Mitte von Industriebetrieben: Gegenüber am Grasweg produ-zierten die Werke der Pieper & Blunck G.m.b.H Düngekalk für die Landwirtschaft und Maurerkalk (Pieperweg ist danach benannt). Verarbeitet wurden die Kalkvorkommen aus den Gruben Vol-gershall, Schildstein und Bögelstraße (östlich Klinikum). Eine Industriebahn entlang der Jägerstra-ße sorgte für den Transport.

1857 wurde südlich der Düngekalkfabrik (heute „Am weißen Turm“) eine Chemische Fabrik in Betrieb genommen, die die „Abfallprodukte“ der Saline zu Soda und Schwefelsäure uvm. verarbei-tete. Die Fabrik ist 1906 abgebrannt und wurde später „In der Marsch“ weitergeführt.

Östlich der Sülzwiesen dampften weiterhin die Schlote der Saline, auf dem Kalkberg wurde Anhyd-rid abgebaut und zu Gips verarbeitet und dies alles im Stadtgebiet. Wer sich für dieses Kapitel Lü-neburger Geschichte interessiert, kann sich in dem neuen Buch-Manuskript von Tilman Küntzel „Im Westen – Lüneburg, Blick hinter die Kulissen“ bestens informieren (Ratsbücherei oder beim Autor bestellen t.kuentzel@online.de ). Lohnt sich!

Heute sind die Sülzwiesen Teil des europäischen Schutzgebietes Natura 2000. Sie werden ökolo-gisch gepflegt und die Luft ist wieder rein. Gerne vergnügen wir uns dort auf dem Rummelplatz, bei Open-air-Konzerten, Flohmärkten, Zirkus (siehe rechts), Messen und beim Start von Drachen und Heißluftballons. Ostwärts befindet sich ein beliebter Wohnmobil-Stellplatz und ein gebühren-freier Parkplatz für Busse und Innenstadtbesucher. Hunde haben eine Tobefläche und Kamele schätzen das frische Gras (das ist kein KI-Foto!) …2…
Vom Westen geht es jetzt in den Osten der Stadt, in das „Sanierungsgebiet westliches Wasservier-tel.“ Dort erkundete am 8. Februar 26 eine tapfere Gruppe durchgefrorener Lokalpatriot*innen das grau verhangene Quartier und hörte sich gruselige Geschichten über Brandstiftungen, Dro-genhandel, Verfall, Ratten und Müllberge an (das war mein Beitrag als ehem. Anwohnerin).


Unsere Zeitzeugen waren hier die Lichtblicke. André Witte zeigte uns, wo sich gerade ein renovie-rungsbedürftiges Haus in ein Schmuckstück verwandelt (rechts). Hajo Boldt ließ uns in einen wunderschönen Flur hineinschauen (das Haus steht seit einem Brand leer), unser Ewer-Kapitän Jens-Peter Fiedler erzählte kein Seemannsgarn sondern die beeindruckende Geschichte vom Bau des Ilmenau-Ewers und Ulrike Steinecke berichtete, dass sie und ihr Mann gerne in ihrem Haus am Fischmarkt leben. In der Mälzer Mühle haben wir uns wunderbar aufgewärmt und bei Kaffee und Kuchen weitere Stadtgeschichten ausgetauscht. Wir werden diese Führung am 22.03.26 noch einmal wiederholen. Es sind nur noch wenige Plätze frei.

Zur Vorbereitung habe ich den Rahmenplan für das Sanierungsgebiet Wasserviertel studiert https://www.hansestadt-lueneburg.de/bauen-und-mobilitaet/sanierungsgebiete/sanierungsgebiet-wasserviertel.html. Das ist sehr interessant. Das Sanierungsgebiet ist nicht identisch mit der historischen Aufteilung der Innenstadt in Markt-, Sand-, Wasser- und Salzviertel. Zum „Sanierungsgebiet Wasserviertel“ gehören z. B. auch das Rathaus, der Marienplatz, die Bardowicker Mauer und die Wallanlagen. Dagegen ist die Reichenbachstraße nur zur Hälfte Sanierungsgebiet. Lesen Sie selbst, warum. Der Sanierungsbedarf ist wirklich groß: von 290 Gebäuden sind 130 sanierungsbedürftig, davon alleine 43 mit großem oder dringendem Sanierungsbedarf. Nur 34 Häuser wurden nach dem 2. Weltkrieg gebaut. Die meisten Gebäude stehen unter Denkmalschutz.

Besonders freuen wir uns als ALA, wenn eine Renovierung und Restaurierung abgeschlossen und gelungen ist. Bei unserem Baustellenbesuch im November konnten wir uns noch nicht vorstellen, wie der Edeka-Markt Wist in ein Café mit Bäckerei und mit intergierten wertvollen Deckenmale-reien verwandelt werden kann. Nun- sehen Sie selbst. Oder besser noch – nehmen Sie Platz und genießen Sie.
Wie immer folgen zum Schluss einige Veranstaltungshinweise:
- Am Donnerstag, dem 05.03.26 ab 19:00 Uhr trifft sich der ALA-Stammtisch im Kapitelsaal. Jeder ist herzlich willkommen und erfährt dort die neuesten Neuigkeiten aus der Altstadt.
- Am Sonnabend, dem 07.03.26 wird im Stadtarchiv eine Ausstellung mit dem Titel „Alte Heimat, neue Heimat“ eröffnet. Es gibt auch Heimatvertriebene innerhalb der Stadt! Die Bewohner der Altstadthäuser, die wegen der Senkungsschäden abgerissen wurden – wo und wie leben sie jetzt?
- Am Donnerstag, dem 12.03.26 um 18:30 Uhr lädt das Ortskuratorium der Deutschen Stif-tung Denkmalschutz in das Gemeindehaus St. Nicolai ein. Dort hält der ehemalige Superin-tendent Dr. Christoph Wiesenfeldt einen Vortrag mit dem Thema „Die Restaurierung der St. Nicolai Kirche im 19. Jahrhundert“. Näheres erfahren sie unter dem angefügten Link. https://www.denkmalschutz.de/ueber-uns/ortskuratorien/ortskuratorium-lueneburg/detail/12-03-2026-die-restaurierung-der-nicolaikirche-im-19-jahrhundert.html
Nun soll es genügen. Sonst bleibt ja gar keine Zeit, die Sonne und den Frühling zu genießen. Im Kalender eintragen: Natur statt Kultur!
Herzlichen Grüße von
Magdalena Deutschmann
stadtgeschichten@alaev-lueneburg.de
c/o ALA, Untere Ohlingerstraße 7
21335 Lüneburg
Telefon Montags 15-17:00 Uhr 04131 267727

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