Stadtgeschichten Dezember 2025
Liebe Leserinnen und liebe Leser,
die Weihnachtsgeschichte ist verklungen, die Familiengeschichten sind ausgetauscht – und nun? Keine Sorge – unser Lüneburg hält eine Menge Geschichten für Sie bereit und einige werde ich Ihnen heute erzählen.

Im Dezember war ich wieder unterwegs. Auf den Spuren der ehemaligen Edel-Disco „Crato Keller“, Heiligengeiststraße 43, in der sich in den siebziger und achtziger Jahren die jungen Bank- und Sparkassenangestellten trafen und amüsierten. Holger Klemz, der Inhaber des Mälzer Brau- und Tafelhauses (und Mälzer Mühle) zeigte mir den ehemaligen Kellereingang zur Disco und noch viel mehr. Nach dem Besuch hatte ich nicht eine, sondern drei Geschichten im Gepäck:

Holger Klemz und ich waren vor 40 Jahren zusammen im Veranstaltungsteam Nordlandhalle. Er als Aufbauhelfer, ich als Platzanweiserin. Wir erlebten zum Beispiel allein 6 Udo-Jürgens-Konzerte hinter den Kulissen. Und Vieles mehr.
Aber zurück zum ehemaligen „Crato-Keller“. Holger zeigte mir ein altes Foto, auf dem gerade ein großes Weinfass in den Keller gerollt wird. Von 1754 – 1972 war dieses Haus nämlich die Wein- und Spirituosenhandlung der Familie Crato. Auch wurden hier 100 Jahre lang Spielkarten hergestellt und vertrieben. Aber das Gebäude ist viel älter. Seit 1540 wurde hier 200 Jahre lang Bier gebraut. Das Brauhaus „Mälzer“ ist seit 1997 zu dieser Tradition zurückgekehrt.

Nach meinem Besuch ging ich gleich ins Stadtarchiv, um noch mehr zu erfahren. Dort gab es sehr interessante Innenaufnahmen, offensichtlich um die Jahrhundertwende fotografiert. Hier sieht man, dass das Gebäude früher ein Wohnhaus war. Man erkennt noch Klingelschilder zu den Wohnungen und eine Galerie im Obergeschoss. Weinranken zieren die Holzverkleidung. (Foto: Stadtarchiv Lüneburg, Wilhelm Riege)

Etwas von der Weinhandlung ist auch heute noch erhalten: Links im Erdgeschoss des „Mälzer“ sieht man in einer Stube mit Kachelofen einen sehr prächtig geschnitzter Holzbogen (rechts mit Holger Klemz) mit dem Symbol der Familie Crato: Ein Kranich auf einer goldenen Kugel. Und dahinter die kleine ehemalige Weinprobierstube. Es lohnt sich, einmal mit offenen Augen durch alle 4 Etagen dieses Hauses zu gehen und die vielen kleinen Details zu entdecken. Danach haben Sie sich ein gutes Essen verdient. Und ein Bier. Oder ein Glas Wein…
Vielleicht fragen Sie sich, warum ich nach einer ehemaligen Diskothek gesucht habe? Ich vergleiche gerade die Möglichkeiten, die die Babyboomer als Jugendliche hatten, und die Situation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute in unserer Stadt. Ausgelöst wurde dies durch eine Radiosendung. Beim morgendlichen Frühsport zu Radiomusik fiel mir die klare schöne Stimme eines jungen Sängers auf. Und dazu der spöttische Kommentar: „Stellt euch vor, dieser Sänger kommt eigentlich aus Lüneburg“. Dieser Sänger ist mittlerweile international erfolgreich und lebte die letzten Jahre in Kanada. Sogar DIE ZEIT schrieb „Der musikalische Durchstarter aus Lüneburg“. Ich hatte seinen Namen noch nie gehört und auch nichts in unserer Zeitung gelesen. Sein Lied wurde ein Hit und immer wieder im Radio gespielt, und immer wieder kam dann dieser spöttische Kommentar zu unserer Stadt. Lüneburg scheint der Inbegriff für Spießigkeit und Provinzialität zu sein.
Ich habe dann die Biografie des Sängers Sanele Sydow im Internet gelesen und tatsächlich: Er ist 1999 geboren und vom 2. – 18. Lebensjahr in Lüneburg aufgewachsen, zur Schule gegangen usw. Dann habe ich mir das Musikvideo zu dem Lied angeschaut und konnte die Moderatoren verstehen.
https://www.youtube.com/watch?v=Z3aduh5fxCo Gezeigt werden fröhliche, tanzende verliebte junge Leute irgendwo im Süden. Wo ist in Lüneburg Platz für die Jugend? Wir haben fast 10.000 Studenten in der Stadt. Wo sind sie? Früher war der Stint der zentrale Treffpunkt der Jugend. Es gab Stintfeste und eine große Zahl an Diskotheken. Haben Touristen die Jugendlichen verdrängt?

Noch eine Stadtgeschichte zum Thema Musik, diesmal live aus der Altstadt. Sie erinnern sich? Corona: Kontaktbeschränkungen, Versammlungsverbote, Totenstille in den Straßen. Ich wohnte In der Techt und hörte plötzlich Musik in der Nachbarschaft. Jacke an und raus. In der Salzbrücker Straße gab es ein spontanes Konzert von Anwohnern. Und eine traumhafte Stimme der Sängerin (2. Von rechts). Dazu Percussion (rechts), Saxophon (links) und Keybord aus dem Fenstersims (2. Von links). Anwohner öffneten die Fenster, einige wagten sich auf die Straße. Wir alle genossen die wirklich tolle Musik. Ein Nachbar rief die Polizei, weil wir uns versammelten. Egal, es war einfach wunderbar. Ich versuchte noch den Namen der Sängerin mit der großartigen Stimme herauszubekommen. „Das ist Vicky“. Man kannte sich. Später habe ich Vicky und Vasco, den Keyborder, noch bei einem Konzert gehört (VIVA). Lüneburg ist so reich an Talenten…
Nun wechseln wir die Tonlage von Dur auf Moll. Denn es gibt auch Trauriges und Bedrückendes in der Altstadt: Verfallene Häuser, Ruinen, jahrelanger Stillstand. Der ALA wird oft gefragt, was da los sei und ob wir nicht etwas unternehmen könnten. Aber es gibt Gründe, wo auch wir nicht eingreifen können: Krankheit, Alter, Armut. Oft fehlt den Bewohnern die Kraft, um noch etwas zu bewegen. Ein 85-jähriger gab zu bedenken: „Welche Bank gibt denn mir als kranken 85jährigen noch einen Kredit für Renovierungsarbeiten?“ Bei einem Rundgang habe ich einige leerstehende Häuser (mit einer Ausnahme) fotografiert. Das tat weh.





Ich erinnere mich gut an das alte Ehepaar, das hinter der blauen Tür gelebt hat. Sie hatten viele kleine Eulen im Fenster, weil im hinteren Schuppen mal ein Uhu gebrütet hat. Später saß die alte Dame oft alleine mit ihrem kleinen Hund im Rollstuhl in der offenen Tür und freute sich, wenn jemand mit ihr sprach. Seit ihrem Tod steht das Haus nun leer und zum Verkauf, aber die Renovierungskosten haben bislang alle Interessenten abgeschreckt. Und es verfällt immer mehr.

Trotzdem – wir gehen zuversichtlich in das neue Jahr 2026! Im Januar wollen wir beginnen, Hinweisschilder zur Geschichte des ehem. St.Michaelisklosters und der Ritterakademie auf dem Gelände der Kreisverwaltung zu entwerfen. Am Sonntag, dem 08. Februar plane ich einen Rundgang mit Zeitzeugen durch das Wasserviertel. Wer sich vornotieren lässt bekommt vorab eine Einladung. Und am 09. Mai findet die nächste Stadtkonferenz statt mit dem Thema „Ehrenamt“.
Kommen Sie mit! Wir sehen oder hören uns wieder 2026.
Bis dahin seien Sie alle herzlich gegrüßt
von Magdalena Deutschmann
stadtgeschichten@alaev-lueneburg.de

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